Erfolgreiche Inklusion oder: Auch bei uns gibt es Skeptiker

Inge Michels im Gespräch mit dem Schulleiter Reinhold Pfeifer zu Inklusion an Schulen. “Wir brauchten unsere Zeit. Und das war genau richtig so. Es gibt immer Menschen, die sich von einer Idee begeistert mitreißen lassen und andere, die ihren eigenen Weg gehen, bis sie von einer Sache überzeugt sind.”

Die Bertolt-Brecht-Gesamtschule war 2012 für den Deutschen Schulpreis nominiert; unter anderem deshalb, weil Sie bereits vor einigen Jahren angefangen hatten, inklusiv zu arbeiten. Aber auch Ihre Schule brauchte einige Jahre, bis sie mit heute zwei inklusiven Klassen pro Schuljahr starten konnte.
Reinhold Pfeifer: Ja, wir brauchten unsere Zeit. Und das war genau richtig so. Es gibt immer Menschen, die sich von einer Idee begeistert mitreißen lassen und andere, die ihren eigenen Weg gehen, bis sie von einer Sache überzeugt sind. Entscheidend ist, dass ein Kollegium sich irgendwann möglichst geschlossen auf den Weg macht und Inklusion wagt.
Ist Inklusion ein Wagnis?
Reinhold Pfeifer: Das kommt drauf an, wie man es sieht. Wenn eine Schule gewohnt ist, mit heterogenen Lerngruppen zu arbeiten, für verschiedene Schülerinnen und Schüler unterschiedliche Materialien einzusetzen, dann ist Inklusion nur eine Differenzierung mehr; allerdings eine, für die eine Lehrkraft besondere Kompetenzen und Unterstützung benötigt. Ein Wagnis ist Inklusion nur dann, wenn es uns nicht gelingt, den Kindern gerecht zu werden.
In NRW ist das Schulgesetz mit dem Ziel geändert worden, das gemeinsame Lernen zum Regelfall zu machen. Der Protest in den Schulen und bei den Lehrerverbänden ist groß, weil der Politik vorgeworfen wird, dieses ehrgeizige Vorhaben nicht durch entsprechende Rahmenbedingungen zu flankieren. Können Sie den Unmut nachvollziehen?
Pfeifer: Teils, teils. Wir haben ja auch eine Reihe von Kolleginnen und Kollegen, die der Inklusion im Unterricht skeptisch gegenüber stehen. Zugestehen muss man auch, dass es immer Kinder geben wird, die an einer Förderschule besser aufgehoben sein werden. Aber irgendwann muss man anfangen. Als wir vor einigen Jahren die ersten Förderkinder aufgenommen hatten, hörten wir die anderen Kinder anfangs sagen ‚Wir haben jetzt Behinderte in der Schule‘. Dieses Vokabular und das Herausstellen des Besonderen haben sich innerhalb weniger Wochen komplett verloren. Anders zu sein wurde normal. Das erhoffe ich mir im Laufe der Jahre auch von dem geänderten Schulgesetz.
Wie ist es Ihnen und den Befürwortern gelungen, das Kollegium mitzunehmen?
Pfeifer: Der Wunsch, inklusiven Unterricht anzubieten, ist auch bei uns nicht vom Himmel gefallen. Anfangs, das war 2007, scheiterten wir sogar erst einmal in der Lehrerkonferenz. Dafür bin ich heute dankbar. Denn dann haben wir angefangen, uns diese Haltung und alles, was an praktischer Umsetzung in der Schule dazu gehört, sehr systematisch zu erarbeiten. Dazu gehörten zum Beispiel systematische Hospitationen in vielen anderen Schulen. Wir hatten Fragen über Fragen: Wie macht ihr das? Welche Probleme seid ihr mit welchen Methoden angegangen? Wie reagieren Schüler und Eltern? Hat sich das Leistungsniveau verändert? Worauf müssen wir gefasst sein? und und und. Wir haben außerdem Lehrkräfte mit Erfahrung an unsere Schule zu Gesprächen und Workshops geholt. Insgesamt dauerte dieser Prozess der Annäherung, wie ich einmal nennen möchte, zwei Jahre…
… und dann waren alle Ihrer Kolleginnen und Kollegen überzeugt?
Pfeifer: Nicht alle. Es gibt immer noch wenige Skeptiker, aber das Votum in der Lehrer- und später in der Schulkonferenz war eindeutig. Ich finde es übrigens vollkommen okay, wenn Menschen Vorbehalte haben! Inklusion bringt ja nicht wenige Menschen in eine Situation, in der sie sich fremd, unsicher, nicht souverän fühlen. Wir haben es nicht gelernt, mit Menschen mit Handicaps unbefangen um zugehen. Mir ist es lieber, ein Kollege steht dazu und verbalisiert sein Unbehagen, als dass er allzu forsch mit diesen Kindern umgeht.
Wie genau kann man sich inklusiven Unterricht an Ihrer Schule vorstellen
Pfeifer: Wir arbeiten binnendifferenziert, das heißt, wir erstellen für jedes Kind einen Förderplan. An diesem Förderplan orientieren sich alle Kollegen, sie stimmen ihren Unterricht und die Unterrichtsvorbereitung darauf ab, ergänzen den Förderplan, geben Hinweise. Dazu muss man vielleicht noch sagen, dass wir an unserer Schule eine ausgeprägte Teamstruktur haben. Kein Kollege ist auf sich allein gestellt. Gerade in den unteren Klassen sind sehr häufig zwei Kollegen im Unterricht, außerdem die Integrationshelfer, die manches Kind mitbringt; davon profitieren alle Kinder. Und natürlich arbeiten wir mit Sonderpädagogen zusammen.
Stichwort Sonderpädagogen. Auf der Homepage Ihrer Schule hat ein Kollege nach einem Vortrag des „Inklusionspapstes“ Prof. Andreas Hinz, Uni Halle, sinngemäß geschrieben: Die Inklusionsschüler sind, was das Handling anbelangt, das kleinere Problem. Wir gestressten Pädagogen kommen durch Inklusion unserem Traum nach kleineren Klassen näher. Und wir bekommen noch einen Stoß neuer Kollegen mit enormer sonderpädagogischer Fachkompetenz hinzu…
Pfeifer (lacht): Gut gesagt. Das muss ich mir noch einmal durchlesen. Unsere Inklusionsklassen sind mit 26 Schülerinnen und Schüler kleiner als die Regelklassen. Und es ist natürlich richtig, dass es noch viele andere durchaus anstrengende und herausfordernde Kinder und Jugendliche an unserer Schule gibt. Man darf Inklusion wirklich nicht verengen auf „Integration behinderter Schüler“.
… sondern?
Pfeifer: Wir fördern z. B. auch eine große Gruppe von Kindern mit Teilleistungsschwächen. Wir entwickeln Konzepte für besonders begabte Schüler und haben eine internationale Klasse mit vielen Flüchtlingen aus den Krisengebieten dieser Welt. Wenn Sie so wollen, gehört jedes Kind zu einer besonderen Gruppe. Oder, ich sag´ es einmal anders: Inklusion ist viel mehr als die Integration von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf oder mit Behinderung.

Aus: Klett- Themendienst, ein Service für Journalisten (Klett-Verlag, 3/2014)