Wir sind in Deutschland gewohnt, zu schnell die Schuldfrage zu stellen

Inge Michels im Gespräch mit Prof. Dr. Hans Anand Pant.

Die Bildungsstandards gibt es jetzt seit über zehn Jahren. Heißt das, Eltern können sich heute darauf verlassen, dass es – zumindest im Hinblick auf Leistung – nur noch gute Schulen gibt?

Hans Anand Pant: Das wäre ein fataler Irrtum. Standards sind zunächst nicht mehr als Erwartungen. Sie sagen nichts darüber aus, ob diese Erwartungen erfüllt werden. Dafür haben wir die Vergleichsarbeiten und Ländervergleiche. VERA zum Beispiel wurde entwickelt, um den Schulen, aber auch der Schulaufsicht, Daten für ein Feedback-System an die Hand zu geben. Im Laufe der Jahre haben wir einen guten Überblick bekommen, was an den Schulen gut läuft und was weniger gut.

Gibt es etwas, was Sie überrascht?

Hans Anand Pant: Gemessen am Potenzial ihrer Schüler schneidet die Schulform Gymnasium erstaunlich schlecht ab. Wir haben in Deutschland immer noch, wie uns PISA erkennen ließ, ein Defizit in der Förderung begabter Kinder. Sehr bedauerlich. Wir scheren ja nicht alle Schulen über einen Kamm sondern schauen genau hin und fragen, was können Schulen in Abhängigkeit von ihrer Ausgangsposition erreichen. Diese Ausgangslage ist an Gymnasien am besten. Dort haben wir bildungsinteressierte Eltern und im Durchschnitt stabile wirtschaftliche Verhältnisse; gute Voraussetzungen für Leistung, die aber nicht optimal abgerufen werden.

Stichwort Leistung: Was genau vergleichen Sie bei VERA?

Hans Anand Pant: Wir vergleichen vor allem Kompetenzen, kein Faktenwissen im engeren Sinne. Wir untersuchen im 3. Schuljahr zum Beispiel, ob Kinder in Wahrscheinlichkeiten denken können, ob sie sich ein einfaches Balkendiagramm erschließen können. Ein anderes Beispiel: Wir testen nicht, wie gut ein Kind liest, sondern ob es den Inhalt eines Textes so gut versteht, dass es dazu Fragen beantworten kann. Das heißt, uns interessieren die Transferleistungen der Kinder. Daran erkennen wir guten Unterricht.

Wenn es auf Elternabenden um VERA geht, kann man den Eindruck bekommen, dass nicht alle Lehrer davon begeistert sind und Fragen nach dem Abschneiden der Klasse nur ungern beantworten.

Hans Anand Pant: Das stellen wir auch immer wieder fest. Schade; ich denke, das liegt daran, dass wir in Deutschland gewohnt sind, zu schnell die Schuldfrage zu stellen. Und dass die Medien bei den Ländervergleichen gerne in Gewinner und Verlierer unterscheiden. Wir haben insgesamt noch kein entspanntes Verhältnis zu einem professionellen System der Rückmeldungen, wie ich es etwa aus den Niederlanden kenne. Vergleichsarbeiten dienen dort dem Interesse der Lehrenden und der Schule, mehr über ihre eigene Leistung zu erfahren und diese zu optimieren.

Angenommen, eine unserer Schulen schneidet mehrmals nicht so gut ab, gibt es dann eine Rückmeldung der Schulaufsicht?

Hans Anand Pant: So sollte es unbedingt sein. Nicht als Strafe, sondern als Hilfe. Die Schulen werden von einem Team von Schulinspektoren besucht und analysiert. Wenn eine Schule ein Problem hat und dies dauerhaft nicht in den Griff bekommt, muss dann die Schulaufsicht Unterstützung geben, zum Beispiel auf der Basis von Zielvereinbarungen.

Auf Ihrer Homepage steht: Eine gute Vorbereitung auf VERA sind gegenseitiges Erklären der Kinder untereinander, das Zusammenstellen von Übersichten oder Mindmaps, das Verfassen von Lerntagebüchern. Können Eltern davon ausgehen, dass sie daran auch guten Unterricht erkennen können?

Hans Anand Pant: Nicht unbedingt. Ein guter Frontal-Unterricht kann auch viel Wert sein. Es geht um die richtige Mischung und um die Passung zum Können der Schüler.

Nach welchen Kriterien würden Sie eine gute Schule aussuchen? Oder anders: Bei welchen Beobachtungen würden Sie skeptisch werden?

Hans Anand Pant: Wenn mir ein Schulleiter sagt, „Wir machen alles wie bisher und sind damit gut gefahren“, dann fehlt mir etwas ganz Wichtiges, nämlich eine Schule, die in Bewegung ist.

Eine solche Schule könnte Eltern auch verunsichern.

Hans Anand Pant: Auch Eltern müssen umlernen. Eine suchende Schule ist viel besser als eine erstarrte. Um sich zu trauen, drängende Fragen offensiv zu stellen, brauchen Schulen den Rückhalt durch die Eltern. Eltern müssen immer mit im Boot sein, wenn sich eine Schule entscheidet, besser oder noch besser zu werden. Eine souveräne Schule sagt: „Hier sind wir Spitze, damit können wir für uns werben. Hier haben wir noch Defizite, daran werden wir arbeiten.“

Experte im Gespräch: Prof. Dr. Hans Anand Pant, Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) an der Humboldt Universität zu Berlin. Das IQB entwickelt u. a. die Vergleichsarbeiten VERA, führt die Ländervergleiche durch und koordiniert die Entwicklung der Bildungsstandards.

Entnommen dem Buch „Was Eltern bewegt: die richtige Schule für ihr Kind“ (Klett/Kallmeyer 2013)