Es kommt nicht darauf an, wie lange ein Kind zur Schule geht

Inge Michels im Gespräch mit dem Neurobiologen Prof. Dr. Gerald Hüther.

 „G8 zieht einfach viel grundsätzliche Kritik und Ratlosigkeit auf sich“, sagt ein Schuldirektor. Hat er Recht?

Gerald Hüther: Ich würde sagen: G8 zieht die Unzufriedenheit derer auf sich, die nicht bereit sind, länger zuzusehen, wie die Begeisterung von Kindern am Lernen noch weiter gedeckelt wird. Jedes kleine in eigener Leistung erbrachte Erfolgserlebnis wirkt so beglückend, als hätte man ein wenig Kokain und Heroin gleichzeitig genommen. Lernen ist nur nachhaltig, wenn es erfahrungsbasiert ist. Das macht dann Lust auf mehr und die Kinder strengen sich gerne an. Von solchen Erfolgserlebnissen gibt es aber viel zu wenige. Wenn Lehrer also wegen G8 unter Druck stehen, verlieren sie den Blick für das, was Kinder begeistert.

 

Die Befürworter und Gegner von G8 führen erbitterte Diskussionen. Macht ein Jahr mehr oder weniger Schulzeit wirklich so viel aus?

Gerald Hüther: Es kommt nicht darauf an, wie lange ein Kind zur Schule geht, sondern dass es gern zur Schule geht und sich darüber freut, was es dort alles zu lernen, zu entdecken und zu gestalten gibt. Weil das aber in den meisten Schulen nicht so ist, haben die Schüler zwei Jahre nach dem Abitur erwiesenermaßen sowieso nur noch zehn bis 20 Prozent von dem Wissen im Kopf, was sie bis zum Abitur auswendig gelernt hatten. Es bleibt eben nicht viel hängen, wenn unter Druck gepaukt wird.

 

Dann macht es eigentlich keinen Unterschied, ob man 12 oder 13 Jahre in eine solche Schule geht…

Gerald Hüther: Eben. Was sich verändern müsste ist das Klima, die Lern- und Beziehungskultur in unseren Schulen, nicht die Dauer der Schulzeit oder die Anzahl der Schulstunden. Die Lebenswelt der Kinder wird immer komplexer. Nur unsere Schulen versuchen, so weiterzumachen wie bisher. Rund 40 Prozent der deutschen Schulkinder gehen mit Angst in die Schule. So eine Vergeudung von Begabungen!

 

Eine Beziehungskultur an einer Schule verändern? Wie können Eltern dazu beitragen?

Gerald Hüther: Am besten wäre es, wenn man sich mit anderen Eltern zusammenzuschließt, um diese ungünstigen Bedingungen zu verbessern. Und am allerbesten wäre es, wenn man in der betreffenden Schule ein tragfähiges Bündnis zwischen Eltern, Lehrern, Schulleitung und den Schülern aufbaut, das dann gemeinsam eine Transformation der dort herrschenden Lern- und Beziehungskultur anstrebt. Das wiederum müsste von einem gemeinsamen Ziel getragen sein: die Sorge um die Entwicklungschancen und die Zukunft aller Kinder, die diese Schule besuchen.

 

Was können Eltern selbst tun, um ihre Kinder darin zu unterstützen, wissbegierig und leistungsfreudig zu bleiben?

Gerald Hüther: Eltern können versuchen, selbst so ein Vorbild zu sein, also jemand, der andere Menschen einlädt, ermutigt und inspiriert, statt sie abzuwerten oder ihnen etwas beizubringen. Und natürlich können Eltern auch jede Schule verändern, wenn sie sich einig sind. Das ist das Einzige, was sie wissen müssen. Das Problem ist nur: Die meisten wollen die Schule gar nicht verändern, weil sie nicht das Wohl aller Kinder, sondern nur das ihrer eigenen Kinder im Auge haben. Und weil die Eltern sich nicht einig sind, ändert sich auch nichts.

 

Kinder werden „heute viel zu früh groß, ohne Zeit zu finden für die richtigen Schritte, die richtige Reihenfolge“, schreiben Sie in dem Buch „Jedes Kind ist hoch begabt“. Es gibt sicher viele Eltern, die Ihnen zustimmen. Aber nun möchte ein Kind partout mit seinem besten Freund auf das nahe gelegene Gymnasium wechseln. Die Eltern sind wegen G8 dagegen. Was sollen sie tun?

Gerald Hüther: Ich würde meine Kinder lieber in ihrem vertrauten Umfeld in die Schule gehen lassen, aber mit allen Kräften dafür sorgen, dass dort ein starkes Bündnis aufgebaut wird, das dafür sorgt, dass aus dieser Schule eine Lernwerkstatt wird, die die Schüler so gern besuchen, dass sie jedes Mal traurig sind, wenn die Ferien bevorstehen. Ich verstehe auch nicht so recht, wieso man gegen eine bestimmte Schule sein kann, nur weil dort G8 eingeführt worden ist. Ablehnen sollte man eine Schule dann, wenn die dort herrschende Lern- und Beziehungskultur nicht günstig ist. Kinder lernen in Beziehungen. Und sie lernen umso besser, je besser die Beziehungen sind. Alle Eltern wissen, dass ein Kind sich für seine Lieblingslehrerin unglaublich anstrengt, dass ihm aber ein Miesepeter oder ungerechter Lehrer jede Lernfreude verderben kann.

 

Experte im Gespräch: Prof. Dr. Gerald Hüther,Universität Göttingen. Der Neurobiologe forscht u. a. zu den Auswirkungen von Angst und Stress auf die Abläufe im Gehirn und auf Lernen.

Entnommen dem Buch von Inge Michels/Stephan Lüke, „Was Eltern bewegt: die richtige Schule für ihr Kind“ (Klett/Kallmeyer 2013)