„Schule darf bitte nicht das einzige Thema im Umgang mit dem Kind sein“

Inge Michels im Gespräch mit Bernd Kinder, Diplom-Psychologe/Psychologischer Psychotherapeut 

Ein Kind kommt auf ein Gymnasium, obwohl die Empfehlung der Grundschule – verbindlich oder nicht – eine andere war. Nach ein, zwei Jahren zeigt sich, dass es große Mühe hat, in der Klasse mitzukommen. Die Klassenlehrerin empfiehlt schließlich die Realschule. Wie fühlt sich das Kind?

Bernd Kinder: Zunächst einmal schlecht. Eindeutig. Kinder erleben eine Abstufung zu einer anderen Schulform meist als persönliches Scheitern, als Niederlage. Und sie wollen in der Regel, also wenn kein anderer Grund (z. B. Mobbing) vorliegt, auch keinesfalls aus ihrer Klasse und ihrer Schule weg. Die Schule verlassen zu müssen ist immer auch ein Angriff auf das eigene Selbstbewusstsein; übrigens auch für das der Eltern.

 

Warum sind auch die Eltern betroffen?

Bernd Kinder: Das gilt sicher nicht für alle Eltern, aber die allermeisten, die ich in 20 Jahren als Psychologe in der Beratung kennengelernt habe, fühlen sich, wenn das Kind an einer Schule scheitert, im hohem Maße persönlich betroffen. Für viele ist das eine sogenannte narzisstische Kränkung, die schwer an ihnen nagt. Sie fühlen sich selbst als Versager. Manchmal geht es ihnen sogar schlechter, als den Kindern.

 

Und was bedeutet das dann für die Kindern?

Bernd Kinder: Diese bekommen möglicherweise ein schlechtes Gewissen, weil es den Eltern so mies geht. Und sie fühlen sich verantwortlich dafür, dass es den Eltern wieder besser geht. Das ist natürlich eine vollkommene Überforderung und kehrt die Eltern-Kind-Rolle ins Gegenteil. Man darf auch nicht vergessen, dass dieser Schritt das Ende einer längeren Kette von Misserfolgen ist. Die Eltern-Kind-Beziehung ist sehr häufig schon länger angespannt und belastet.

 

Warum sind Kinder und Eltern nicht einfach erleichtert, dass der Stress auf dem Gymnasium vorbei ist?

Bernd Kinder: Die Kinder sind es nach einiger Zeit, wenn sie an der neuen Schule, in der neuen Klasse gut angenommen werden. Kinder brauchen nach einem solchen Schulwechsel schnell Erfolgserlebnisse, sozialer Art oder in der Anerkennung Ihrer Leistung. Ich hatte vor kurzem einen Jungen, der wechselte von einem Gymnasium auf die Realschule und konnte nach wenigen Monaten eine Klasse überspringen. Das hat ihn natürlich gewaltig motiviert. Eltern brauchen häufig länger, um sich mit einem Schulformwechsel abzufinden.

 

Warum fällt Eltern das so schwer?

Bernd Kinder: Einmal wegen dieser persönlich erlebten Kränkung, als Eltern versagt zu haben, was natürlich vollkommen überzogen ist. Diesen Eltern fehlt die gesunde Distanz zum Kind als eigenständige Persönlichkeit. Dann aber auch, weil es in vielen Kreisen inzwischen selbstverständlich ist, dass Kinder das Gymnasium besuchen. Gelassen zu sagen: „Mein Kind braucht noch Zeit, wer weiß, was in zwei Jahren ist “, oder auch „Mein Kind ist nicht der passende Lerntyp für das Gymnasium“ – dazu braucht es – gerade im bürgerlichen Milieu – schon echte Souveränität.

 

Was hilft Kindern und Eltern, gravierende Misserfolge in der Schule gemeinsam zu tragen?

Bernd Kinder: Zunächst einmal Gelassenheit. Klingt leicht, ist schwer umzusetzen, das weiß ich. Wenn der Vater, den Sie in der Kapitelüberschrift zitieren, dies mit Gleichmut und Gelassenheit wirklich so sieht und vielleicht sogar schon eine andere Option im Auge hat, wenn es mit dem Gymnasium nicht klappt, dann hat ein Kind die Chance, relativ unbeschadet eine Abschulung zu überstehen.

 

Was hilft noch?

Bernd Kinder: Was ich Eltern immer wieder ans Herz lege: Schule darf bitte nicht das einzige Thema im Umgang mit dem Kind sein. Ich hatte einmal eine Jugendliche mit ihren Eltern hier bei mir, aus der brach es – nachdem sie lange nichts gesagt hatte – irgendwann heraus: „Immer geht es nur um Schule, Schule, Schule!“ Eltern sollen schauen, was ihr Kind auszeichnet. Wahrscheinlich ist es nicht nur schlecht in der Schule, sondern liebenswert, begeisterungsfähig, empathisch, geduldig, verträglich, gut organisiert, teamfähig, für sein Alter sehr entscheidungsfähig, selbstständig … Das sind übrigens alles Faktoren, die über Erfolg im Beruf entscheiden– mehr als Noten. Und diese Stärken sollten Eltern anerkennen und fördern.

 

Sie haben selbst drei Kinder. Würden Sie das Experiment eingehen, welches der zitierte Vater eingegangen ist?

Bernd Kinder: Eher nicht. Ich würde nach einer guten Alternative schauen. Ist eine gute Realschule in der Nähe oder eine fähige Gesamtschule? Vor allem aber kommt es natürlich auf das Kind und das Klima in der Familie an. Ein Kind, das selbstständig arbeitet, eine stabile Persönlichkeit ist, Neues rasch aufnimmt, am Lernen interessiert ist, sich auch schon mal mit einem Buch zurückzieht… ; und wenn Eltern nicht zu gestresst sind … – das könnte gut gehen. Aber es bleibt ein Wagnis.

Experte im Gespräch: Bernd Kinder arbeitet in der „Beratungsstelle für Eltern, Jugendliche und Kinder” des CARITAS-Verbandes Bonn. Neben der Arbeit mit Klienten kooperiert er mit Schulen im Bonner Stadtgebiet. Dort bietet er Sprechstunden für Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte und Eltern an.

Entnommen dem Buch von Inge Michels/Stephan Lüke, „Was Eltern bewegt: die richtige Schule für ihr Kind“ (Klett/Kallmeyer 2013)