Literatur: Vorlesen kennt keine Altersgrenzen

Inge Michels im Gespräch mit Dr. Margitta Kuty, Englisch Didaktikerin

Einst war Harry Potter die Einstiegsdroge für so manchen „Lesemuffel“. Heute sind es u. a. die Warrior Cats. Wie motiviert man Kinder zum Lesen? Und wie erwerben sie in heterogenen Lerngruppen literarische Kompetenzen? Ein Gespräch mit der Englisch Didaktikerin Dr. Margitta Kuty von der Universität Greifswald.

 Harry Potter, Warrior Cats – ein Blick in die Bücher zeigt, dass sie schwerer zu lesen sind als manche Lektüre, die Kindern explizit empfohlen wird. Und dennoch werden sie verschlungen …

Dr. Margitta Kuty: Ja, und das liegt daran, dass die Lese-Motivation der Kinder ganz entscheidend ist. Wenn eine Geschichte super spannend ist, so wie es diese Fantasy-Romane sind, dann trauen sich Kinder dicke Bücher, lange Sätze und schwierige Wörter zu.

 

Man könnte auch den Eindruck bekommen, sie überschlagen sperrige Passagen, um schnell zu wissen, wie es weiter geht…

Dr. Margitta Kuty: Das ist überhaupt nicht schlimm. Ganz im Gegenteil! Kinder schulen so ihr Textverständnis. Wenn ein Kind bei jedem fremden Wort erst ein Lexikon bemühen oder sich durch eine längere Passage quälen muss, besteht immer die Gefahr, dass es die Lektüre abbricht. Wenn es aber Textstellen überspringt, stellt es vielleicht fest, dass sich ihm ein Zusammenhang im Nachhinein erschließt und so bleibt es emotional in der Geschichte.

 

Das ist wichtiger, als jedes Wort zu verstehen?

Dr. Margitta Kuty: Eindeutig ja. Literatur bietet Kindern und Jugendlichen eine Distanz zur Alltagswelt. Die Kinder können dadurch in eine andere, eine fremde Welt eintauchen, deren Themen aber durchaus Bezüge zu ihrer realen Welt haben; da geht es um Liebe, Freundschaft, Ehrlichkeit, Verrat usw. Und es werden Lösungen angeboten, über die man zum Beispiel in einer Schulklasse miteinander sprechen kann.

 

Sie sind Didaktikerin für Englisch. Welche Informationen erhalten Schüler aus der Literatur über ein Land, die sie nicht aus einem Reiseführer herauslesen können?

Dr. Margitta Kuty: Nehmen wir ein Beispiel:Waffenbesitz in den USA. In einem amerikanischen Jugendroman erleben deutsche Kinder den Protagonisten in seinem Lebensumfeld. Sie lernen dessen Blick auf den erlaubten Waffenbesitz in den USA kennen, seine Gedanken; können die Vor- und Nachteile beim Erleben einer tragischen Geschichte diskutieren, sich in die Befürworter ebenso einfühlen wie in die Gegner. Ein Konflikt in einem Land wird so authentischer. Sie identifizieren sich mit den Charakteren und leben ein Stück dessen Welt mit.

 

Warum geht das Interesse an Literatur im Laufe der Schulzeit so häufig verloren, auch wenn Kinder einmal begeisterte Bücherwürmer waren?

Dr. Margitta Kuty: Das ist wirklich sehr bedauerlich. Es liegt vor allem daran, dass insbesondere das Analysieren von Texten unter Notendruck den Schülern die Unbefangenheit und Freude am Umgang mit Literatur nimmt. Sie müssen die Chance erhalten, weiterzudenken. Dafür braucht man offenere Aufgabenstellungen. Reine Analyse führt fast immer zur Demotivation.

 

Ein hartes Urteil…

Dr. Margitta Kuty: Sicher, aber es ist ja nicht so, dass Schüler in zunehmendem Alter das Interesse an fremden Charakteren und Schicksalen verlieren würden. Selbst Erwachsene hören mit großem Vergnügen Geschichten, was in den vergangenen Jahren durch den Begriff Storytelling auch in der Fachwelt wieder populär geworden ist. In den Grundschulen wird dieses Bedürfnis nach Geschichten durch Lehrerinnen, die gern und regelmäßig vorlesen, genährt. Es gibt für mich keinen Grund, warum ab der fünften Klasse damit plötzlich Schluss sein soll.

 

Sie bilden selbst angehende Englischlehrer aus. Was geben Sie jungen Studenten an die Hand, um literarische Kompetenzen bei Kindern fördern zu können?

Dr. Margitta Kuty: Ich ermutige sie zum Beispiel, auch in der Sekundarstufe noch vorzulesen. Das muss gar nicht lange sein, es reichen jede Stunde ein paar Minuten einer Lektüre; wie in einer Fortsetzungsgeschichte. Dann besuchen wir den Englischunterricht von Kollegen, die neue Methoden ausprobieren. In einer Klasse las zum Beispiel jedes einzelne Kind ein anderes Buch. Das ging vom Inklusionskind, das ein Buch mit wenigen Worten und vielen Bildern vor sich hatte über das Kind, das am liebsten Comics las bis zum leidenschaftlichen Bücherleser. Auch die Aufgabenstellungen folgten unterschiedlichen Ansprüchen. Meine Studentinnen staunen und sehen: das geht!

 

In heterogenen Lerngruppen ist es sicher nicht einfach, jedes Kind so zu motivieren, dass es sich gern mit Texten befasst…

Dr. Margitta Kuty: Deshalb empfehle ich, nicht nur auf das gedruckte Wort zu schauen. Der Umgang mit in meinem Fall englischsprachiger Literatur sollte unbedingt multimedial angelegt sein. Computerspiele wie solche zu „Warrior Cats“ können für lese-uninteressierte Kinder ein Leseanreiz sein, auch Hörbücher. Rollenspiele und Theaterstücke sind für lese-ungeübte Kinder eine gute Möglichkeit, sich nah am Text mit dem Inhalt zu befassen, zum Beispiel durch Zeichnen der Kulissen. Wer nicht so gut auswendig lernen kann, kann soufflieren.

 

Wo bleibt dann das Textverständnis oder auch die Lesekompetenz?  

Dr. Margitta Kuty: Daran muss natürlich parallel gearbeitet werden. Es geht mir darum, eine große Bandbreite an Zugängen zu schaffen. Es gibt wirklich viele Anlässe, literarische Erfahrungen zu ermöglichen. Relativ neu sind die Graphic Novels für ältere Jugendliche, eine Art Comicroman, aber komplexer als die üblichen Comics. Für mich spannend ist zum Beispiel „The Arrival“ von Shaun Tan.

Aus: Klett- Themendienst, ein Service für Journalisten (Klett-Verlag, 2/2014)