„Nie lernt man besser, als wenn man das, was man weiß, anderen erklärt“

Inge Michels im Gespräch mit Wofgang Vogelsaenger, Leiter der Christoph-Lichtenberg-Gesamtschule, Göttingen, entnommen dem Buch „Was Eltern bewegt: die richtige Schule für ihr Kind“ (Klett/Kallmeyer 2013)

 

Experte im Gespräch: Wofgang Vogelsaenger, Leiter der Christoph-Lichtenberg-Gesamtschule, Göttingen. Die Schule wurde 2011 mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet.

 

Jedes Jahr müssen Gesamtschulen eine Vielzahl von Kindern abweisen. Wie ist das Verhältnis von Anmeldung und Absagen an Ihrer Schule? Und wie entscheiden Sie, wer aufgenommen wird?

Wolfgang Vogelsaenger: Wir können jedes Jahr etwa 170 Plätze für die neuen Fünftklässler anbieten. Darauf bewerben sich rund 300 Kinder. Geschwisterkinder nehmen wir möglichst immer auf, danach wird konsequent gelost. Wir haben vier Lostöpfe, die nach Leistung eingerichtet sind, damit wir eine vielfältige Mischung der Begabungen in unseren Klassen haben. Allerdings muss ich darauf hinweisen, dass es zu unserem Konzept gehört, dass wir versuchen das gesellschaftliche Spektrum in Göttingen abzubilden. Hier leben viele Akademiker, deshalb haben wir mehr Kinder mit einer Gymnasialempfehlung in Göttingen.

 

Mit welchen Hoffnungen kommen Eltern zu Ihnen?

Wolfgang Vogelsaenger: Eltern wissen, dass wir nicht erwarten, dass sich ihr Kind der Schule anpasst, sondern dass wir Schule für Kinder möglich machen. Zwei Beispiele: Wir nehmen auch ein Kind auf, dass wegen einer Nierentransplatation über 30 Medikamente einnehmen muss. Darauf stellen wir uns ein, die Lehrer behalten das im Auge. Und wir nehmen auch ein Kind mit auf Klassenfahrt auf das Ijsselmeer, das mehrmals täglich in Ohnmacht fällt. Wir haben das Kind auf dem Schiff gesichert, damit es bei einem Anfall nicht über Bord geht. Wichtig war den Eltern: Ihr Kind war dabei.

Spektakuläre Beispiele…

Wolfgang Vogelsaenger: … aber aussagekräftig. Wir versuchen immer, alles möglich zu machen, was ein Kind, das wir aufgenommen haben, braucht. Das ist übrigens einer der entscheidenden Systemunterschiede. Wen wir aufnehmen, den behalten wir. Ein Lehrer kann sich nicht vor der Verantwortung drücken, in dem er sich sagt: „Nächstes Jahr kann ich die Klasse abgeben.“ Ein solches System verändert die Haltung von Lehrern zu seinen Schülern. Und das schätzen Eltern.

 

Worauf sollen Eltern achten, wenn sie sich eine Gesamtschule anschauen?

Wolfgang Vogelsaenger: Auf das, was jede gute Schule ausmacht. Dazu gehört zum Beispiel: Haben die Kinder Platz zum Toben? Können Sie sich in den Pausen frei bewegen, dürfen sie in die Turnhalle, den Musikraum, die Bibliothek oder im Klassenraum bleiben? Eltern sollen darauf achten, ob sie spüren: „Ja, das ist ein Lebensraum für Kinder.“ Sie sollten sich erkundigen, ob es auch Konzepte für hochbegabte Kinder gibt und für solche mit Teilleistungsschwächen.

 

Und wenn Eltern im Unterricht hospitieren: Was sind Kriterien für guten Unterricht?

Wolfgang Vogelsaenger: Positiv ist, wenn die Kinder aktiv sind, im Team oder zu zweit, und nicht isoliert lernen. Eltern sollten auch beobachten, ob der Lehrer ermutigt, bestärkt, anregt, sich aber zurück hält. Er sollte nicht im Mittelpunkt stehen, das müssen die Kinder sein.

 

Ein häufige formulierter Vorbehalt gegenüber Gesamtschulen lautet: „Studierfähig wird man nur in der Oberstufe eines Gymnasiums.“ Was entgegnen Sie?

Wolfgang Vogelsaenger: Mag sein, dass das in den 70er Jahren galt. Heute setzen auch die Hochschulen und erst Recht die Arbeitgeber auf Kompetenzen, die bei uns gelernt werden. Nehmen Sie zum Beispiel Teamfähigkeit. Einzelkämpfer haben es heute schwer. An guten Gesamtschulen lernen Jugendliche, in einem Team, wo jeder seine speziellen Begabungen einbringt, zu Ergebnissen zu kommen. Je nach Arbeitsauftrag setzen sich Teams so zusammen, dass sie das bestmögliche Arbeitsergebnis erzielen. Wir stellen immer wieder fest, dass die Motivation, mehr zu leisten, als man sich anfangs vielleicht vorgenommen hatte, wirklich enorm ist. So lernen Kinder auch, die Arbeit anderer Wert zu schätzen; ganz wichtig für zukünftige Führungskräfte.

Noch so ein Vorbehalt: „Für leistungsstarke Kinder besteht in der Gesamtschule die Gefahr, dass sie sich an den Schwächeren orientieren, ihr Potenzial nicht ausschöpfen können…“

Wolfgang Vogelsaenger: Es kommt auf die Mischung in den Klassen an. Wenn Gesamtschulen verkappte Haupt- oder Realschulen sind, dann besteht tatsächlich die Gefahr, dass leistungsstarke Kinder weniger motiviert sind, das Beste aus sich herauszuholen. Wenn eine Klasse aus mindestens einem Drittel leistungsstarker Kinder besteht, sehe ich keine Gefahr für eine Nivellierung. Im Gegenteil: Aus der Lernforschung wissen wir, dass leistungsstarke Kinder in gemischten Teams ihr Wissen festigen, vertiefen und aus eigenem Antrieb ausbauen wollen. Nie lernt man besser, als wenn man das, was man weiß, anderen erklärt.